Dahin wie ein Schatten

Das Denkmal „Identität“ auf dem Schulhof der CKS


2021 hatten wir während der Auschwitzfahrt die ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau mit eigenen Augen gesehen. Jedes Jahr hat man die Möglichkeit, bei dieser Fahrt mitzufahren, um dort mehr über diese schreckliche Zeit
zu erfahren, ein Konzentrationslager zu besichtigen, Museen zu besuchen und die jüdische Geschichte in Berlin zu verfolgen.
Nach der Fahrt beschäftigten wir uns intensiv mit der Geschichte verschiedener jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Lübeck.
2022 entschied sich eine Gruppe von Schülerinnen, die an der Auschwitzfahrt teilgenommen hatte, mithilfe von Winni Schaak ein Denkmal für diese ermordeten jüdischen Kinder zu errichten. Wir schauten uns den Ausstellungsraum von Winni Schaak an und holten uns dort Tipps und Inspirationen für unser Denkmal. Nach einem ungefähren Entwurf auf Papier begannen wir, den passenden Maßstab zu berechnen, die einzelnen Teile des Entwurfs maßstabsgetreu aufzuzeichnen und anschließend aus Modellbaupappe auszuschneiden. Zum Schluss wurden alle Teile zusammengeklebt, sodass wir einen 3D-Entwurf unserer Skulptur fertiggestellt hatten. Wir entschieden uns, das Geschwisterpaar Hanna und Hermann Mecklenburg stellvertretend für alle ermordeten Juden in das Denkmal zu gravieren, da uns die Geschichte dieser Kinder sehr mitnahm. Hanna Mecklenburg wuchs mit ihrer jüdischen Familie in Lübeck auf, doch seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fühlte sie sich zunehmend bedroht. Aus Angst vor Verfolgung floh die Familie schließlich nach Belgien, wo Hanna als Haushaltshilfe arbeitete. Als sie erfuhr, dass Deutschland auch Belgien überfallen hatte, stand sie erneut vor einer ungewissen Zukunft. Im September 1938 floh Herbert Mecklenburg, der Vater der beiden Kinder, aus Angst vor Verfolgung nach Belgien, wohin ihm seine Familie wenige Monate später folgte. Doch auch dort waren sie nach der deutschen Besetzung nicht mehr sicher. Herbert Mecklenburg starb 1941 im Internierungslager Gurs, während Therese Mecklenburg sowie ihre beiden Kinder Hanna und Hermann 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Hanna und Hermann wurden nur 20 und 15 Jahre alt. Sie teilten ihr Schicksal mit Millionen anderen verfolgten Menschen. Um an diese schrecklichen Taten zu erinnern und Schülerinnen aufzuklären,
entschieden wir uns im Februar 2022 dafür, ein Denkmal zu errichten.


Das Denkmal „Identität“ steht nun auf dem Schulhof der Cesar-Klein-Schule und des Ostsee-Gymnasiums Timmendorfer Strand, um die erdrückenden und schrecklichen Gefühle ansatzweise widerzuspiegeln, die Jüdinnen und Juden tagtäglich erleben
mussten. Es soll Schüler*innen sowie alle Personen, die an dem Denkmal vorbeigehen, an diese Verbrechen erinnern und dafür sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Die 1,80 Meter hohe Skulptur neigt sich dem Betrachter zu und erzeugt durch ihre Größe und ihren Winkel ein Gefühl von Bedrohung, Ohnmacht und Angst. Sie soll ansatzweise nachempfinden lassen, wie sich Menschen fühlten, als sie eingesperrt
wurden – nicht mit der Aussicht auf Befreiung, sondern auf den Tod. Der nach hinten hin immer enger werdende Tunnel symbolisiert Hoffnung: Das „Licht am Ende des Tunnels“ ist nur aus bestimmten Perspektiven sichtbar, wird kleiner, verschwindet
teilweise ganz, ist aber gelegentlich noch vorhanden.


In das Mahnmal sind die Namen Hanna und Hermann Mecklenburg eingraviert, ein Geschwisterpaar aus Lübeck, das nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Sie stehen stellvertretend für alle jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die
ausgegrenzt, deportiert und auf brutalste Weise getötet wurden. Die Verwendung der Vornamen der beiden Kinder soll daran erinnern, dass es sich um individuelle Menschen mit eigener Geschichte handelt. Dadurch, dass die beiden Kinder in
Lübeck wohnten, also in derselben Umgebung wie die Schülerinnen und Schüler der beiden Schulen und in einem ähnlichen Alter waren, entsteht eine Verbundenheit zwischen ihren Leben. Man sieht nicht nur eine Zahl, sondern lernt eine Familie
kennen, die ein schreckliches Schicksal erlitt.

Entwurf: Paula Lücke
Bildhauer: Winni Schaak